Manche Spieler betrachten Fallout: New Vegas vielleicht als vollwertige Fortsetzung, als ein Fallout 4. Andere hingegen sehen in ihm eher ein riesiges, selbstständig lauffähiges Add-on. Beide Ansichten sind im Grunde richtig: New Vegas richtet sich vor allem an jene Spieler, die nach Fallout 3 einfach noch Lust auf mehr hatten – mehr Quests, mehr Items, mehr Tiefgang, mehr Fallout. All das bekommt man auch geboten, nur eben nicht mehr durchgängig auf Top-Niveau. Dabei ist und bleibt New Vegas aber ein völlig eigenständiges Spiel, das keine inhaltlichen Bezüge zu Fallout 3 aufweist und keine Vorkenntnisse erfordert.

Nicht Bethesda selbst, sondern Obsidian (Alpha Protocol) zeichnet für die Entwicklung von New Vegas verantwortlich. Daher unterscheidet sich das finstere Endzeit-Rollenspiel auch von seinem Vorgänger Fallout 3, vielleicht mehr, als es zunächst erscheinen mag.

Das sündige New Vegas ist ein überraschend kleines, dafür aber gut gestaltetes Gebiet.

Das sündige New Vegas ist ein überraschend kleines, dafür aber gut gestaltetes Gebiet.

PRO

+ Riesige Spielwelt mit vielen Orten, Charakteren und Quests zu entdecken
Während Fallout 3 noch an der amerikanischen Ostküste spielte, kehrt New Vegas wieder an die Westküste zurück, dorthin, wo schon einst Fallout 1 und 2 spielten. Wie schon sein direkter Vorgänger bietet Fallout: New Vegas eine vollgepackte, offene Welt zum Erforschen. Egal man nun die Hauptquest verfolgt, nach Rohstoffen sucht oder einfach nur ein paar Gegner vertrimmen möchte – in allen Himmelsrichtungen werden Entdecker fündig und finden viele Inhalte, mit denen Sie sich lange Zeit beschäftigen können. Klar ist aber auch: Die Spielwelt bietet weder den enormen Detailgrad noch ganz die Glaubhaftigkeit von Fallout 3. Dazu durchwandert man einfach zu oft Dörfer, Schluchten, Gebäude und Steppen, die zwar hübsch, aber auch etwas künstlich wirken. Insbesondere bei einigen Innenräumen in New Vegas, Hotels und Spielkasinos, vermissten wir etwas die Liebe zum Detail. Dies gleicht New Vegas aber auch mit großem Umfang aus: Wer wirklich alles sehen und erleben will, ist sicherlich 60 Stunden oder länger beschäftigt – wir testeten New Vegas etwas mehr als 40 Stunden lang und sahen dabei kaum mehr als die Hälfte aller Orte.

+ Verzweigte Story mit Fraktionswahl
Die Handlung von New Vegas fällt zwar etwas hinter der gefühlvolleren Erzählung von Fallout 3 zurück, doch schlecht ist sie nicht: Der Spieler schlüpft in die Haut eines Kuriers, der sich – gerade noch einem Mordversuch entronnen – auf die Socken nach New Vegas (das ehemalige Las Vegas) macht, um dort Antworten zu finden: Wer wollte ihn umbringen, und vor allem: warum? Im Verlauf der Geschichte trifft der Held auf mehrere Parteien: Die militärisch organsierte RNK, die menschenfeindlichen Sklavenhändler der Caesar’s Legion und Mr. House – eine mysteriöse Gestalt, die nur über einen Computerbildschirm kommuniziert und die sich mitten im lasterhaften New Vegas in einem riesigen Turm verschanzt hat. Hinzu kommen noch mehrere kleinere Fraktionen und Gruppierungen. Je nachdem, für welche Seite der Spieler arbeitet, wird er bei manchen Fraktionen beliebt oder verhasst, was sich auf andere Quests, Händlerpreise und einiges mehr auswirkt. Ein System, das im Test meist gut, wenn auch nicht immer fehlerfrei funktionierte. Während der Spieler sich durch die Hauptquests arbeitet, wird er irgendwann vor die Wahl gestellt, für welche der drei großen Fraktionen er einstehen mag – hier entscheidet sich, welches von mehreren unterschiedlichen Enden man zu Gesicht bekommt. Durch die Fraktionen und die Entscheidungsfreiheit in vielen Quests bietet New Vegas reichlich Wiederspielwert.

+ Änderungen im Detail
Das grundlegende Gameplay ist nahezu identisch mit dem aus Fallout 3: Man erkundet die Spielwelt auf eigene Faust, löst reihenweise Quests, entwickelt seinen Helden weiter. Allerdings hat Obsidian die Spielmechanik in vielen Details angepasst. Waffen lassen sich beispielsweise mit Upgrades verbessern und feuern nun verschiedene Munitionstypen ab. In Dialogen entscheiden viele der gelernten Talente darüber, ob man seinen Gesprächspartner überzeugen kann oder nicht. Und auch an der Charakterentwicklung wurde gebastelt: Man erhält nur noch für jeden zweiten Levelaufstieg eines der kostbaren Extras (auf Englisch: Perks) – das sind die wichtigen Bausteine für Ihren Helden. Aus diesem Grund gibt’s nun zusätzliche Extras, die man über das Erledigen von Herausforderungen verdient: Wer beispielsweise genügend Kopftreffer bei Feinden erzielt, der erhält vielleicht ein Schadensbonus-Extra. Bei der Charaktererstellung darf man außerdem Eigenschaften (auf Englisch: Traits) aussuchen, das sind im Grunde Extras, die nicht nur Boni, sondern auch Nachteile bringen.

+ Unterhaltsame Kämpfe
Unverändert gut ist das aus Fallout 3 bekannte Kampfsystem. Wer mag, kann im Grunde jedes Gefecht wie einen typischen Ego-Shooter spielen und einfach draufhalten. Taktischer wird’s jedoch, wenn man das Geschehen per V.A.T.S.-Modus pausiert und dann gezielt die Körperteile des Feindes anvisiert. Dieser Mix aus Action und Überlegung funktioniert nicht nur prima, sondern sieht auch immer noch sehr hübsch aus: Sobald man alle V.A.T.S.-Aktionen festgelegt und die Pause beendet hat, werden die Kampfhandlungen in sehenswerten Kameraschwenks und Zeitlupen eingefangen, während Projektile flammend aus Gewehrläufen schießen. Eine kleine Neuerung gegenüber Fallout 3 findet sich im Nahkampf: Hat man diese Fertigkeit auf Stufe 50 gebracht, lassen sich besonders starke Spezialattacken ausführen, was die Prügeleien ein wenig vielseitiger macht.

+ Neues Begleitersystem
Zwar aus Fallout 3 bekannt, aber für New Vegas stark erweitert: das Begleitersystem. Bis zu acht Kumpanen darf man im Spielverlauf anheuern, davon können maximal zwei gleichzeitig in der Spielerparty sein. Schon allein weil die Kämpfe teils deutlich schwerer ausfallen als im Vorgängerspiel, wollten wir bald nicht mehr auf unsere Kumpels verzichten. Die nützlichen Kameraden agieren selbstständig und meist auch zuverlässig genug, sodass man sich um sie kaum Gedanken machen muss. Einzig die Wegfindung machte uns manchmal Probleme, etwa wenn ein Kumpel mal zwischen zwei Kisten stecken blieb oder störrisch einen Zelteingang versperrt. Solche Einzelfälle lassen sich verschmerzen. Löblich ist zudem, dass Obsidian zumindest hier ein neues Interface-Element eingebaut hat: Begleiter darf man nun mit einem bequemen Kreismenü herumkommandieren, ihnen Verhaltensweisen aufdrücken oder sie zur Selbstheilung nötigen. Das ist viel komfortabler als noch in Fallout 3.

+ Solides Craftingsystem, trotz Bedienungsmängel
Zusätzlich zu den vielen veränderten Spieldetails führt Obsidian aber auch ein paar handfeste Neuerungen ein, etwa das Handwerksystem. So kann der Spieler nun an Werkbänken Munition herstellen oder an Lagerfeuern neue Medizin und Nahrung produzieren. Dazu benötigt man verschiedenste Fertigkeiten, vor allem aber das komplett neue Überleben-Talent, das einzig für das Handwerk eingeführt wurde. Das Schöne daran ist, dass es vielen einst nutzlosen Items nun einen Zweck verleiht – wer mag, kann sich lange mit dem Suchen von Zutaten und Rohstoffen beschäftigen. Leider wandern aber all diese Materialien unsortiert in das aus Fallout 3 bekannte Listeninventar, was bei der schieren Menge an Items schnell so unübersichtlich wird, dass uns die Lust am Handwerk verging. Glücklicherweise ist man aber auch nicht darauf angewiesen, das Spiel zwingt einen nicht dazu – es bietet es lediglich an.

+ Fordernder Hardcoremodus
Auf Wunsch vieler Fans baute Obsidian einen freiwilligen Hardcore-Modus ein. Wem der Modus auf Dauer zu schwer oder nervig ist, der kann ihn jederzeit abschalten. Er bringt interessante Änderungen mit sich. Munition etwa hat hier ein eigenes Gewicht, man kann also nicht unbegrenzt Patronen, Energiezellen, Raketen und dergleichen mitschleppen. Der Effekt: Der Spieler muss sich stärker auf bestimmte Waffenarten konzentrieren. Stimpacks heilen außerdem nicht mehr auf einen Schlag, sondern sondern ersetzen die Lebenspunkte nur langsam mit der Zeit. Ähnlich verhält es sich mit Radaway, um Verstrahlung zu reduzieren. Völlig neu sind Hunger, Durst und Müdigkeit: Für diese drei Bedürfnisse gibt’s nun eigene Übersichten im Statusmenü des Pip-Boys, ähnlich der Verstrahlungsanzeige. Mit der Zeit muss der Spieler Nahrung und Wasser zu sich nehmen und hin und wieder ausschlafen. Vor allem die ständige Suche nach Getränken erschwert die ersten Spielstunden – denn nicht alles, was in Flaschen abgefüllt wurde, eignet sich als Durstlöscher! Auch die Kämpfe geraten fordernder, schon allein, weil Begleiter – anders als im normalen Modus – hier nicht mehr nur ohnmächtig werden, sondern ihr Leben dauerhaft verlieren können.

+ Gutes Speichersystem
Man darf jederzeit einen neuen Spielstand anlegen, zudem gibt‘s eine faire Autosave-Funktion, die nach jedem Raumwechsel abspeichert. Obendrein kann man seinen Fortschritt auch per Quicksave sichern. Vorbildlich.

CONTRA

– Veraltete Optik & recycelte Spielwelt
Technisch basiert New Vegas auf der betagten Engine von Fallout 3, zudem wurden viele Texturen und Grafiken unverändert übernommen – im Grunde sieht New Vegas aus wie ein Add-on oder eine verdammt aufwendige Mod. Das hat zur Folge, dass das Spiel trotz hoher Weitsicht, schöner Tageszeitenwechsel und netter V.A.T.S.-Zeitlupen optisch nicht mehr zeitgemäß wirkt, Ende 2010 sind die Spieler einfach schärfere Texturen und plastischere Charaktere gewohnt. Immerhin ein positiver Nebeneffekt der veralteten Grafik: Wie schon bei Fallout 3 fallen die Ladezeiten auf modernen Rechnern angenehm kurz aus, das tut dem Spielfluss ausgesprochen gut. Und da auch die Grafik dank wählbarer HD-Auflösungen und Anti-Aliasing deutlich schärfer ausfällt als in den Xbox-360- und PS3-Fassungen, halten wir die PC-Ausgabe von New Vegas für die beste der drei Versionen.

– Interface mit Altlasten
Leider verpasst Obsidian die wichtige Chance, dem Spiel einige Bedienungsmängel des Vorgängers auszutreiben: Vom umständlichen Listeninventar über das störrische Questlog bis hin zu der Karte, auf der sich keine Notizen anlegen lassen, wurde hier rein gar nichts verbessert. Immerhin gibt’s auch ein neues Minispiel: Caravan ist ein komplexes Kartenspiel, das man mit vielen NPCs und in Kasinos bestreiten darf. Eine schöne Ergänzung, die natürlich prima zu dem Las-Vegas-Szenario passt.

– Einige Bugs
Wir testeten New Vegas insgesamt 40 Stunden lang auf drei völlig unterschiedlichen Rechnern. Dabei erlebten wir zwar durchaus mehrere Bugs, jedoch konnten wir das Spiel ohne größere Probleme durchspielen. Da New Vegas aber enorm groß und umfangreich ist, konnten wir natürlich nicht alle möglichen Fälle überprüfen. Der störendste Bug im Test, wenn auch nur ein Einzelfall: Unser Begleiter Boone verschwand einmal ganz einfach und war auch nicht mehr zurückzubringen – hier mussten wir einen früheren Spielstand laden. Öfters traten hingegen Wegfindungsprobleme auf: Begleiter, NPCs oder Gegner blieben dann an Objekten in der Spielwelt hängen. Beim Einsatz einer bestimmten Waffe kam es außerdem mehrmals vor, dass wir mitten im Kampf weder schießen noch nachladen oder den Pip Boy öffnen durften, immer ein paar Sekunden lang. Selbstredend, dass wir diese Waffe irgendwann gemieden haben. Und auch die verzweigten Quests mitsamt dem Fraktionssystem sind nicht vollständig fehlerfrei: Gerade gegen Ende der Hauptquestreihen kam es vor, dass ein NPC mal falsch reagierte oder eine Quest ohne ersichtlichen Grund abgebrochen wurde. In der Regel löste aber bereits ein Quickload das Problem. Fallout: New Vegas ist also auch in der ersten Verkaufsversion zwar gut spielbar, jedoch sollte Obsidian auf jeden Fall noch an einem Patch arbeiten.

– Unausgegorenes Balancing
Grundsätzlich richtet sich New Vegas eher an Spieler, die Fallout 3 bereits kennen. Ein Zeichen dafür: Selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad fällt Fallout: New Vegas merklich schwieriger aus als sein Vorgänger. Viele Gegner benutzen nun starke Waffen, Monster wie Rad-Skorpione oder Todeskrallen teilen mehr Schaden aus und in einigen Indoor-Levels wird man buchstäblich von Gegnern überrannt. Auch sind Munition und Stimpacks nun seltener als in Fallout 3. Das ist grundsätzlich zwar schön, immerhin war Fallout 3 etwas zu einfach. Doch hin und wieder übertreiben es die Entwickler auch: Wenn man in manchen Orten (ja, wir meinen dich, Vault 34!) ohne Vorwarnung von Gegnern buchstäblich überrannt wird, kann Frust aufkommen.

– Durchwachsene Lokalisation
Das Spiel ist komplett eingedeutscht, was bei der schieren Größe von Fallout: New Vegas natürlich schon eine beachtliche Leistung ist. Die deutsche Lokalisation ist auch meist stimmig und insgesamt zufriedenstellend geraten, einige Übersetzungs- und Betonungsfehler stören aber dann doch ein wenig und schaden so der Atmosphäre. Etwas enttäuschend: Die deutsche Version lässt sich auch nicht auf andere Sprachen umstellen – ein Service, der normalerweise bei Spielen über Steam üblich ist.